Inflationsschutzbrief – der geldsystemanalytische Börsendienst

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Börsen steigen trotz Brexit und Bankenkrise in Italien

An den Börsen scheinen die weltweiten Krisen, vor allem der Brexit, die Lage in der Türkei und die Bankenkrise, die besonders in Italien schwelt, kaum (noch) eine Rolle zu spielen. Warum steigen die Börsen so schnell nach negativen Entwicklungen wieder, und was hat den S&P 500 Index sogar auf ein historisches Allzeithoch getrieben?

Börsen steigen trotz Brexit und Bankenkrise Italien

25.07.2016: In den letzten Wochen kam es neben dem Austritt Großbritaniens aus der EU (Brexit) zu einer Verschärfung der Bankenkrise in Italien und dem Putschversuch in der Türkei. Trotzdem hat der DAX den 1.000 Punkte Kurseinbruch vom 24.06.2016 fast wieder aufgeholt, ähnlich entwickelte sich der Euro-Stoxx 50. Der S&P 500, der im Gegensatz zu DAX und Euro-Stoxx 50 durch den Brexit nur 5 statt 10 Prozent Kurseinbruch verzeichnete, hat am 20.07.2016 mit 2.173 Punkten sogar sein historisches Allzeithoch erreicht. Ebenso der Dow Jones Industrial Index, der am 22.07.2016 ein Allzeithoch von 18.532 Punkten erreichte. Auch der Nikkei 225, der vor dem Brexit bei 16.238 Punkten stand, notierte am 20.07.2016 bei 16.880 Punkten. Was ist los an den Börsen das derart große Probleme schon nach kurzer Zeit die Kurse nicht mehr belasten?

Warum steigen die Börsen trotz Brexit und Bankenkrise?

In den Finanzmedien werden die steigenden Börsen einerseits mit der Rettung der italienischen Banken durch neu gedrucktes Geld sowie andererseits mit der Hoffnung vieler Marktteilnehmer begründet, die darauf spekulieren, die japanische Notenbank könnte bald zu Helikoptergeld greifen.

Helikoptergeld bedeutet grundsätzlich eine direkte Finanzierung von Staat, Wirtschaft oder privaten Haushalten durch die Notenbank unter Umgehung des Bankensektors. In Japan, so wird vermutet, soll der Staat für ein neues Konjunkturprogramm einen Teil seiner Staatsanleihen, also der neuen Schulden, nicht mehr am Anleihemarkt platzieren, sondern direkt an die Notenbank verkaufen. Die Spekulation über eine baldige Einführung von Helikoptergeld war aufgekommen, nachdem sich der ehemalige Chef der US-Notenbank Ben Bernanke, der das Helikoptergeld in seiner Amtszeit bereits in Erwägung zog aber nicht einsetzte (aber als Helikopter-Ben in die Geldgeschichte einging), am Montag dem 11. Juli 2016, mit dem derzeitigen Chef der japanischen Notenbank Haruhiko Kuroda und anschließend mit dem japanischen Regierungschef Shinzo Abe getroffen hatte.

Danach hatte Abe gesagt, dass er den Ausstieg aus der Deflation „beschleunigen“ wolle. Laut Abe’s Aussagen ist Deflation schlecht für die japanische Wirtschaft, weil der damit verbundene Rückgang der Verbraucherpreise, die Konjunktur bremse. Gemeint ist damit, dass Deflation die Liquidität in der Realwirtschaft senkt und somit höhere Kreditausfälle drohen, die die Wirtschaft und das Bankensystem gefährden. Zudem steigt der Wert der Schulden, während bei Inflation die Kaufkraft des Geldes und die effektive Schuldenhöhe sinkt. Die Staatsschulden Japans nähern sich aber rapide der Marke von 250 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung – das ist der höchste Wert weltweit. Dass Abe und Kuroda sowie andere hoch verschuldete Länder vor diesem Hintergrund die Inflation unbedingt anheizen wollen, ist aus deren Sicht mehr als verständlich.

Börsen erwarten neues Konjunkturprogramm in Japan

Warum zeichnet sich ab, dass es schon bald Helikoptergeld in Japan geben dürfte? Kurz nach dem Sieg im japanischen Oberhaus hatte Ministerpräsident Abe ein neues Konjunkturprogramm in Höhe von 20 Billionen Yen (also 171 Milliarden Euro) angekündigt, wozu er noch mehr Staatsanleihen, also Schuldscheine in Umlauf bringen will, als bislang geplant. Als Grund wurde der Brexit angeführt, der verantwortlich dafür sei, dass sich die japanische Wirtschaft schlechter als erwartet entwickeln werde, weshalb erneut ein Konjunkturprogramm aufgelegt werden müsse. Die neue Schwemme an Staatsanleihen dürfte die Notenbank kaufen, womit der Einstieg in das Helikoptergeld eingeleitet wäre. Nun sollen die Investoren darauf spekulieren, dass die japanische Notenbank bereits bei der Sitzung am 29. Juli eine weitere Lockerung die Geldpolitik verkünden und das Programm zum Kauf von Staatsanleihen aufstocken könnte. Dadurch kommt neues Geld in Umlauf, was an den Börsen positiv gesehen wird.

Auch in Italien zeichnet sich bereits ab, dass die dortige Bankenkrise nach der ersten Bail-In-Enteignung nur mit Hilfe des Staates gelöst werden kann, was ebenfalls bedeutet, dass neues Geld in Umlauf kommt und sich die Geldmenge erhöht. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die Börsen die Bankenkrise in Italien als Problem weitgehend ignorieren, solange sie beherrschbar erscheint.

Wesentliche Gründe für steigende Börsen

Die wesentlichen Gründe, weshalb die Börsen steigen, ist in Zeiten von Nullzinsen aber der Mangel an Alternativen zu Aktien bei gleichzeitiger Geldschwemme durch die Notenbanken, wie wir in unserer Prognose für 2016 dargelegt haben. Aufgrund der vorherrschenden Niedrigzinsphase werfen sichere Anleihen kaum noch Renditen ab, sodass Investoren wie die Vermögensverwalter auf der Suche nach Ertragsquellen ihren Fokus auf potenziell ertragreichere Alternativen wie Aktien ausweiten – auch wenn damit ein höheres Anlagerisiko eingegangen wird.

Das liegt zum einen daran, dass die künftigen Gewinnerwartungen der Unternehmen mit einem geringeren Zins abdiskontiert werden. Das erhöht den Barwert der Gewinne und lässt die Aktienkurse weiter steigen. Zum anderen führen die anhaltend niedrigen Zinsen zu sinkenden Fremdkapitalkosten der Unternehmen, wodurch die Gewinne höher ausfallen. Insofern wird es für Unternehmen attraktiver, Eigenkapital durch Fremdkapital zu ersetzen. Dadurch wiederum können sie ihre Eigenkapitalrendite erhöhen, was sich ebenfalls in steigenden Aktienkursen niederschlägt. Der Aufschwung des US-Aktienmarkts seit vier Jahren ist einerseits auf diese Effekte zurückzuführen, die – im Gegensatz zu Aktienrallyes früherer Jahre – nicht mehr durch steigende Unternehmensgewinne befeuert werden. Andererseits pumpen die Zentralbanken seit der Finanzkrise ständig neues Geld in die Finanzmärkte, was die Aktienkurse zusätzlich treibt und eine Vermögenspreisblase erzeugt.

Wie lange geht die Börsen-Rallye noch?

Nachdem die Zinsen – abgesehen von einer kleinen Anhebung in den USA – auf einem weitgehend niedrigen Niveau bleiben werden und die Aktienrisikoprämien im Vergleich zu Anleihen weiter sinken, dürfte das insbesondere dem S&P 500 zusätzliches Kurspotenzial verschaffen. Bis Ende 2017 könnte der Index bei rund 2.400 Punkten stehen. Anleger sollten daher neben der Risikoneigung der Investoren auch die Gewinnentwicklung der Unternehmen in den USA genau im Blick behalten und die Rallye an den Börsen genießen, solange sie anhält.

Wie lange diese Rallye andauert, hängt davon ab, wie sich die Kreditausfallraten und damit der Kreditzyklus entwickeln. Derzeit sieht es so aus, dass die Kreditausfallraten bald deutlich zunehmen werden, weshalb es umso wahrscheinlicher ist, dass die Notenbanken in Japan und danach auch in Europa Helikoptergeld einsetzen werden, wenn sie das Ende des Kreditzyklus hinauszögern und den damit verbundenen Börsencrash verhindern wollen, der von verschiedenen Experten bereits für 2016 vorhergesagt wird. Auch die Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel warnte in ihrem Jahresbericht für 2016 vor deutlich zunehmenden Risiken für die Weltwirtschaft.

Zusammenfassung:
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Börsen steigen trotz Brexit und Bankenkrise in Italien
Kurzbeschreibung:
An den Börsen steigen die Kurse trotz Brexit und Bankenkrise in Italien. Warum steigen die Kurse der Börsen so schnell wieder nach negativen Entwicklungen?
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Inflationsschutzbrief © 2016
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