Inflationsschutzbrief – der geldsystemanalytische Börsendienst

Nur wer das Geldsystem wirklich versteht, kann die richtigen Anlageentscheidungen treffen!

Bargeld verteidigt die Freiheit der Bürger

Die Bargeldabschaffung ist längst keine Zukunftsmusik mehr. Denn eine starke „Koalition der Anti-Bargeld-Fraktion feiert bereits erste große Erfolge. So gibt es in Italien und Frankreich Obergrenzen von 1.000 Euro. In Schweden kann man seine Spende nach dem Kirchgang sogar mit Kreditkarte bezahlen. Und seit diesem Jahr überlegt auch die Gesamt-EU, Obergrenzen für Klimpergeld und Scheine einzuführen. Der 500-Euro-Schein steht ohnehin schon kurz vor dem Ende.

Gastbeitrag von Robert Halver

Robert Halver Gastkommentar zu Bargeld

Argumente der Anti-Bargeld-Fraktion scheinen überzeugend

Die Politiker weltweit würden wohl lieber heute als morgen das Bargeld abschaffen. Und mit treuen Augen – die an das süße Bambi von Disney erinnern – schauen sie uns an und können gar nicht verstehen, dass die Bürger die Bargeldabschaffung nicht wollen. Zunächst ist Bargeld doch eklig unhygienisch. Wer weiß, welche Horrorkeime auf ihnen wuchern. Geld ist doch im wahrsten Sinne des Wortes schmutzig.

Überhaupt, ohne Bargeld würde der Zahlungsverkehr revolutioniert, radikal vereinfacht. Was spart sich die Volkswirtschaft nicht alles an Aufwand, wenn das Vollkornbrötchen beim Bäcker, der Müsliriegel im Supermarkt oder die Tageszeitung am Kiosk statt mit lästigen Scheinen und Münzen innovativ und flächendeckend mit EC- oder Kreditkarte bezahlt werden. In der virtuellen Geldwelt sind teure Sicherungssysteme für Münzen und Scheine oder gefährliche Geldtransporte von z.B. Supermarkt X zur Bank Y nicht mehr nötig. Es gibt keinen Diebstahl von Geld mehr. Kriminalität scheitert mangels Masse.

Und ist erst einmal die bargeldlose Zeit angebrochen, hat man der Steuerhinterziehung, der Schwarzarbeit und Drogenkriminalität auch das Genick gebrochen, oder? Die sich hartnäckig haltenden Gerüchte von handwerklichen Leistungen für die Gegenleistungen von DIN A5-Umschlägen mit bestimmten „Inhalten“ wären dann ein für alle Mal Geschichte. Eine alternative Tauschwirtschaft – z.B. das Bad fliesen lassen gegen einen dicken Parma-Schinken, 100 Eier und 20 Salatgurken – ist schon aus logistischen Gründen deutlich schwieriger darzustellen. Ohnehin wäre jeder, der einen großen Sack Kartoffeln mit sich herumträgt, verdächtig. Ja, man könnte sogar argumentieren, dass ein Land ohne Bargeld weniger Polizei braucht. Und auch weniger Steuerfahnder, denn wenn alles auf Rechnung geht, käme Vater Steuer-Staat aus dem Grinsen wie ein Honigkuchenpferd gar nicht mehr heraus.

Auf den zweiten Blick ist die Bargeld-Abschaffung überhaupt nicht mehr attraktiv

Wenn das keine überzeugenden Argumente sind, Bargeld fremdzugehen und sich lustvoll an den Vorteilen von Plastikgeld zu erfreuen. Aber ist es wirklich alternativlos, Bargeld in die ewigen geldpolitischen Jagdgründe eingehen zu lassen? Ich finde, die Nachteile einer Bargeldverabschiedung wiegen schwerer. Den Hygieneaspekt kann ich nicht gelten lassen. Mit zweierlei Maß messen, geht nicht. Auch jede Geldkarte ist ein Tummelgelände für Keime. Aber das ist nicht entscheidend.

Und ist Drogenhandel oder Steuerhinterziehung bei Bargeldlosigkeit wirklich im Keim erstickt? Nein, diese Delikte ließen sich auch mit Gold und Silber darstellen. Will man uns also auch noch Edelmetalle verbieten wie beim Goldverbot damals in den USA? Eigentlich schon, denn wer das physische Bargeld abschafft, muss auch das physische Gold beseitigen. Wer A sagt, muss auch B sagen. Und was ist mit Datensicherheit in der virtuellen Zahlungswelt?

Wenn selbst US-Ministerien, Großkonzerne oder das Smartphone von Angela Merkel – das geht wohl doch unter Freunden – gehackt werden, wie kann man da sicher sein, dass das Geld auf unseren Girokonten sicher ist? Kommt eine Überweisung wirklich dort an, wo sie ankommen sollte? Doch das soll die Freude der Anbieter von Zahlungssystemen nicht trüben. Solange das rechtssichere, öffentliche Gut Bargeld existiert, ist die Bezahlung von Gütern und Dienstleitungen kostenfrei, d.h. ohne Gebühren möglich. Aber wer sagt uns denn, dass in einer Bargeld-losen Finanzwelt virtuelle Zahlungsanbieter für ihre Dienstleistungen nicht die Hand aufhalten? Wer arbeitet schon umsonst?

Wenn der große Datensauger eingeschaltet wird

Unendliche Freuanfälle würden aber vor allem bei den vielen e-Commerce-Unternehmen ausgelöst. Ist erst einmal das Bargeld verabschiedet, beginnt die große Willkommenskultur des gläsernen Kunden. Wenn alle Zahlungen nur noch virtuell per Karte abgewickelt werden, hinterlassen wir digitale Spuren wie Wölfe im Schnee mit dem Unterschied, dass unsere Spuren selbst bei Schneeschmelze nicht verschwinden. Zahlungsleistende und -empfänger sind so sichtbar, so transparent wie Tiere im Zoo. Nicht zuletzt, wer persönliche Identifikationsmerkmale aus den Händen gibt, verliert auch die Kontrolle über seine Daten.

Das Ganze ist eine Einladung an Markenunternehmen bzw. Social Media-Firmen unsere früher noch geheimen Konsumgewohnheiten heute mit hochintelligenten Algorithmen auszuspionieren und uns mit passenden Angeboten per Smartphone ungefragt zuzumüllen: Wer z.B. auf Schlager von Helene Fischer steht, wird sich doch vielleicht auch für die von Andrea Berg interessieren. Wir haben sozusagen einen Bar Code auf unserer Stirn. Der Mensch wird zum ablesbaren, psychologisch steuerbaren Datensatz, der an Konsum- und Dienstleistungsunternehmen als Handelsware verkauft werden kann.

Die EZB kann keinen Konjunkturaufschwung erzeugen

Aus Sicht der (Geld-)Politik spricht für diese schöne, neue heile virtuelle Geldwelt aber noch ein weiteres wichtiges Argument. Es geht um Konjunkturstützung. Seit 2008 hat die internationale Geldpolitik zwar alles versucht, der Konjunktur durch billiges und viel Geld auf die Sprünge zu helfen. Doch was machen die Konsumenten? In der Eurozone sparen sie trotz Zins- und Rendite-Diät weiter massiv in Zinsanlagen an. Angstsparen spielt hier wohl auch eine große Rolle. Die lockerste und zarteste geldpolitische Versuchung seit es Notenbanken gibt, schafft es nicht, die Konjunktur in Wallung zu bringen.

Anlagezinsen können nicht flächendeckend unter null fallen, eigentlich

Was tun? Obwohl Zinssparen aktuell schon Masochismus genug ist, muss man den Schmerz für Zinsanleger noch weiter erhöhen, damit sie endlich konsumieren, endlich Geld ausgeben. Konsequenterweise müsste man flächendeckend negative Anlagezinsen einführen. Verbrauchern muss die Lust am Sparen gründlich vermiest werden. Man stelle sich nur einmal vor, wenn aus Angst vor Vermögensverlusten auch nur 10 Prozent der Spareinlagen der Eurozone – also 650 Mrd. Euro – in die eurozonale Konjunktur mit einer Wirtschaftsleistung von gut 10 Bill. Euro flössen. Es käme zu einem Mega-Aufschwung.

Leider kann in unserem Papiergeldsystem dieses umfängliche zinsnegative „Sonder-Konjunkturprogramm“ eigentlich nicht funktionieren. Denn unter null würde zunehmend ein Run auf Banken und Sparkassen starten. Anleger wollten ihre Spar-Euros nur noch als Bargeld im Keller oder unter der Matratze halten, da sie dort keinen Zinsnachteil zu befürchten hätten bzw. in den Genuss eines Zinsvorteils gegenüber einer negativ verzinsten Spareinlage bei Banken kämen. Da aber ohnehin nur unter 10 Prozent der gesamten Geldmenge in Form von Bargeld vorliegen, ständen unser Bargeldsystem und damit der gesamte Bankensektor sehr schnell vor dem Ruin.

Bargeld muss verteufelt werden

Wenn aber unser Bargeldsystem das entscheidende Hindernis ist, flächendeckend negative Zinsen  zu haben, dann muss es eben abgeschafft werden. Dann ließen sich Negativzinsen auch ohne Fluchtmöglichkeiten und die Gefahr eines Bank Runs durchsetzen. Statt klassisch zu sparen, würde man zum Geld ausgeben, gedrängt wie eine willenlose Konsummaschine. Das wäre dann die perfekte staatliche Finanzrepression, um die Konjunktur zu beleben. Dabei gäbe es auch die Alternative einer Wirtschaftspolitik, die mit Reformen und Wettbewerbsfähigkeit Unternehmen veranlasst, in Europa zu investieren, Menschen einzustellen, die dann konsumieren und Steuern zahlen. Diesen Königsweg will man in der Eurozone aber den Wählern und den Chancen der eigenen Wiederwahl nicht zumuten. Das ist aber dann nicht mein Problem.

Freiheitsrechte im Jahr 2016 ff. bedeuten für mich auch, dass mündige Konsumenten nicht zu gläsernen Aufziehpuppen degradiert werden. Ich bin ein Anhänger von Bargeld und werde es immer bleiben. Es ist laut Dostojewski ein Stück „gedruckte Freiheit“. Es geht niemanden etwas an, was ich mir mit Bargeld kaufe, egal ob Holz für den Kamin, einen Kasten Bier oder Kaugummi. Aus Bargeld als einem freiheitlich-demokratischen Eigentumsrecht darf nie virtuelles Plastikgeld als perfektes Kontrollinstrument werden. Auch in Etappen darf Bargeld nie abgeschafft werden. Den Fluch der vermeintlich „guten“ Bargeldabschaffungs-Tat erspare ich mir.

Bargeldverbot? Nein, diese Freiheit dürfen wir uns nicht nehmen lassen!

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Hinweis:

Robert Halver ist Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Der vorliegende Beitrag wurde der Inflationsschutzbrief-Redaktion über unseren Service “Gastbeitrag erstellen” zur Veröffentlichung angeboten. Die Meinung des Autors muss nicht zwingend die Meinung der Redaktion widerspiegeln.

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